Katja Mustonen und ich hatten ein sogenanntes Dancedate in Berlin: ein bisschen reden, ankommen, checken wer was braucht und dann die simple Struktur eine Stunde lang zu schauen, was so passieren will. Sie als Contact Skeptikerin wünscht sich Gewicht zum Anfangen, ich als Contact Monofokussist wünsche mir Phasen von purem, nicht direktivem Hands-on. Nach 40 Minuten fühle ich mich erinnert an meine Anfangszeit. Es ist alles so viel, irgendwie viel zu viel, so atemberaubend komplex. Ich kann nicht verstehen, warum alles so reibungslos, so intelligent und geschmeidig funktioniert. Eine ungeheure Wachheit wird mir in jedem Moment abverlangt, Wachheit und Offenheit. Alles macht Sinn, ist aber nicht vorhersehbar. Erinnerungen an mentale und emotionale Überforderungen tauchen auf. Ich meine, ich müsste jetzt gleich voll sein und verschwinden wollen.

Aber ich bemerke, dass ich einfach da sein und da bleiben kann mit all dieser Dauerforderung, diesem vielschichtigen Genussfeuerwerk. Ich bin innerlich gelassen, geschmeidig, wach und lebendig. Nur mein Kopf hat Zweifel, ob das denn möglich sein kann.

Es scheint, dass Katja die Contact Improvisation braucht und meidet. Ihre Leidenschaft gilt seit einiger Zeit dem ‘Multi’: multiple points of contact, multi-directionality, multiple foci, Lust am Zuviel, ein Zelebrieren der Komplexitäten und wozu wir in der Lage sind, wenn wir uns all diesem Zuviel ausliefern (mehr zu ihr am Ende des Textes).

Die Tänze mit ihr sind mit einem hohen Mass an Leichtigkeit und Räumlichkeit ausgestattet. Die Kommunikation ist dabei außerordentlich verbindlich.

Sie hat ein unglaubliches Wissen, was Manipulationstechniken angeht. Welchen Richtungsimpulsen kann ein Körper folgen, durch welche bewegten Formen kann man ihn winden. Die Peripherie wird stimuliert, aber immer scheint es mindestens zwei verschiedene Richtungen gleichzeitig zu geben. Dieses massive Wissen geht mit der Lust auf nicht-Wissen einher: Das Contact-essentielle ‘Was passiert wenn …?’. Katja hat die Vision vom demokratischen Körper, wo alle Körperteile in jedem Moment in der Lage sind Richtungen zu geben oder Angeboten zu folgen. Die Fähigkeit gleichzeitig zu initiieren und Impulse des Partners aufzunehmen eröffnet mir neues Terrain. Der Führende ist in jedem Moment bereit selbst manipuliert zu werden. Es gibt diese Domino Stafetten, wo ein gegebener Impuls durch den Körper des Partners mäandert und wieder zum Mit-Tänzer gelenkt wird, um diesen unvorhersagbar zu verformen. Dabei fliesst, fliegt oder fällt das Duett durch den Raum.

Es ist ein hohes Mass an kompositorischem Bewusstsein im Raum. Wo was stattfindet, wie die Geschwindigkeit sich recht radikal ändern kann, der Tonus…

In Phasen, wo Gewicht genommen wird bleibt dieses in Bewegung, gemeinsamer Schwung erzeugt Leichtigkeit. Gewicht wird aber nicht getragen, es wird transportiert, umgelenkt oder weitergeleitet. Bei diesem atemberaubenden Tanz gab es glaube ich nicht einen klassischen Schulterlift. Eine weitere Leidenschaft von Katja: Die Abwertung der Schulterlifts, die sich als zentrale Form oder Sehnsucht in der Contact Improvisation zu etabliert haben scheint.

Eine meiner Definitionen eines Contact Tanzes ist es, die Möglichkeit zu haben über einen verbindlichen Körperkontakt mit geteiltem Gewicht in dreidimensionaler Bewegung in einem Dialog zu sein.

Essentiell daran ist für mich ‘die Möglichkeit zu haben’. Mit Katja ist diese Möglichkeit in jedem Moment spürbar und so ist es ein Gefühl von Freiheit in vielen Phasen des Tanzen von dieser Möglichkeit des geteilten Gewichtes keinen Gebrauch zu machen.

Es ist ein wesentlicher Teil meines Unterrichtes diese Fertigkeiten zu erlernen – dranzubleiben an der Berührung, im Gewicht und nicht abzuhauen, wenn es brenzlig wird. In jedem Moment zu wissen, welche Rotations- oder Fallrichtung mich in den Kontakt führen wird und welche hinaus und wie ich meinen Körper organisieren kann, um diesen Kontakt zu erhalten. Es klingt so schlicht ist aber leider ausgesprochen kompliziert. Viele Angewohnheiten und Angstreaktionen gilt es dabei bewusst zu haben um selbstbestimmt entscheiden zu können. Es scheint als ob ich einen Grossteil meiner Arbeit dem Erlernen dieser Abhängigkeit widme, als Voraussetzung, davon frei sein zu können. Leicht wird wohl diese trainierte Fähigkeit des Dranbleibens zu einer Sucht, einer Abhängigkeit oder einer limitierenden Angewohnheit.

Es hat schon etwas Verwirrendes: Ein Ziel erreichen zu wollen um es dadurch loslassen zu können und frei davon zu sein.

Hier noch ein paar Sätze zu Katja und ihr Jahresthema:

KATJA MUSTONEN  (FIN/GER) is a Finnish dancer, teacher and dance maker, based in Berlin, working as a nomad. She graduated from the Vocational Dance School in Outukumpu, Finland 2004 as dancer, and holds a MA degree in “Contemporary Dance Education” from the Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, Germany. Since 2008, she’s been teaching Contemporary Dance Technique, Improvisation and Contact Improvisation internationally.  She is curious about the states of presence and the body’s ability to transform, embody, and transmit images, into knowledge, emotions and atmosphere’s. She is interested in jointing photography, video and text among other interdisciplinary approaches into her artistic work and continues being in awe with the dance as her teacher.

CURRENTS, WAVES AND TIDES

For the past few years, I’ve been busy seeking tools to answer the quest: How to train the body so that one is able to initiate and respond to stimulus at any given moment? How to remain present and aware of the multiplicity of actions in a simultaenous moment? I have been curious of challenging the ability to be aware with the multiplicity of actions in a single moment. Making choices around the notions of shared touch, weight, and communication while balancing between the issues of (inter)dependency and independency has been framing my dancing.

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