In meinem letzten Workshop tauchte der Wunsch auf an einer spezifischen Form zu arbeiten: Vom Beckenlift jemandem rückenaufwärts auf die Schulter zu rollen – und ich war überrascht wie vollkommen involviert und emotional ich einige Teilnehmer begleitet habe, als ginge es um Leben und Tod. Als würde sich in der Art, wie wir diese Form angehen entscheiden, ob wir den Wesenskern der Contact Improvisation nähren oder zerstören. Ich musste zum Glück auch ein wenig schmunzeln, denn es ist ja nur eine bestimmte, oft genutzte Form, die am Lauf der Welt so gar nichts ändern wird.

Was trieb mich so an und hin und her?

Als technischen Wesenskern der Contact-Improvisation sehe ich das Herstellen fragiler Balancen und die Lust auf den Balance Verlust: ein Balanceverlust, welcher lesbare Bewegung kreiert, die dennoch nicht geplant sein will. All das geschieht in einem verbindlichen Körperkontakt, der das geteilte Gewicht sucht und nicht meidet. Im Kern der Technik liegt eine Herz und Kopf erfrischende Offenheit, eine Kombination aus Präzision und nicht-Wissen.

Ich vermute mal, dass diesem Gedanken viele Contacter zustimmen würden, sehe aber sowohl im Unterricht als auch im freien Tanzen den starken Hang zum Gegenteil. Was wir meinen zu tun und zu wollen und was wir tatsächlich tun geht ja oft erstaunlich weit auseinander.

Die akrobatischen Aspekte der Contact Improvisation pendeln in den Polaritäten von Statik und Dynamik, von Kontrolle und Offenheit, von wollen und loslassen.

Um die Erfahrung zu machen, wie ich die Struktur meines mich tragenden Partner nutzen kann, um mich leicht und sicher in der Höhe zu fühlen, sind statische Positionen naheliegend. Als unterstützende Person reduzieren wir Komplexität und schwankende Beweglichkeit, geben Stabilität und Sicherheit – und reduzieren uns zu einem fixen Turngerät. Die vertrauten Ausprägungen sind in Starrheit gegossene Positionen auf allen vieren (Bank/ Vier-Füssler) oder der breitbeinig angebotene Beckenlift mit steifem Becken und starkem Rücken. Beim angesprochenem Hochrollen über den Rücken auf die Schulter nimmt die unterstützende Person gerne noch die Arme seitlich hinzu, sozusagen als Rückenverbreiterung, um mehr Auflage zu kreieren, damit der Partner nicht so leicht seitlich aus der Balance fällt und direkter zum Ziel geführt werden kann.

Warum auch nicht? Die Wahrscheinlichkeit das ersehnte Zeil zu erreichen ist maximiert. Es stellt sich diese fantastische Befriedigung ein etwas Schwieriges geschafft zu haben, was ich bis dahin nur bestaunt habe. Ein Ehrgeiz ist geweckt und eine berührende Hartnäckigkeit breitet sich im Raum aus. Die Lust gegen das ‘Falsch’ für das ‘Richtig’ zu kämpfen. Mit viel Übung steht am Ende das wahre Können, ein Beherrschen dieser Form.

Wo in der Contact Improvisation sonst so viel Weichheit und Fluss dominiert, wo wir ein Gefühl von ‘alles ist ok – alles ist erlaubt’ ersehnen, da ist dieses Richtig und Falsch, die fixe Form manchmal eine wahre Befreiung.

Im Wiederholen einer statischen Form kann ich auch Sicherheit gewinnen und mich dann langsam wieder öffnen hin zu mehr Flexibilität und Variantenreichtum .

Meine Beobachtung ist leider nur, dass dieses Können und Beherrschen und das Nutzen von statischen Formen leicht den Geist der Improvisation ruiniert. Als würden wir in diesen Übungssituationen unbewusst neuronale Autobahnen zementieren, die wir im Tanz nicht mehr verlassen können. Wenn lerneifrige Contacter im Tanz in die Bank/-Vierfüßlerpositionen geraten, dann erstarren sie plötzlich und der Tanz stirbt ein schnelles, unauffälliges Ende. In einem flüssigen Contact Duet bricht sich der gemeinsame Bewegungsfluss am sekundenschnell erstarrten Fels, der einen gelernten Beckenlift anbieten will.

Den Aufwand, den dieses Ent-lernen des ehrgeizig antrainierten, statischen Know-hows erfordert, lässt mich zunehmend fragen, ob wir die Energie nicht besser von vornherein in beseelteres Formenlernen stecken können. Die Erfolgserlebnisse im Lernen werden weniger glamourös sein, der Ehrgeiz weniger Futter und Befriedigung finden, dass Gefühl etwas gelernt zu haben mag sich weniger klar einstellen.

Für eine langjährige Praxis halte ich es für außerordentlich bereichernd immer mal wieder die Frage zu stellen, worum es mir eigentlich geht, und ob das, was ich rituell tue tatsächlich diesem Zweck dient.

Wenn ich meine, dass der technische Wesenskern der Contact-Improvisation das Herstellen fragiler Balancen und die Lust auf den Balance-Verlust ist – ein Balanceverlust, welcher lesbare Bewegung kreiert, die dennoch nicht geplant sein will – dann mag ich schauen, wo ich dieser Idee treu bin und wo ich es vielleicht nicht bin aber sein könnte.

Als ein zentrales Element scheint mir dafür das Geschehen unter der Haut im Kontaktpunkt zu sein. Dieses Gefühl von Zug im Gewebe, von Schwimmen unter der Haut, wie ich es in verschiedenen Texten beschrieben habe (z.B. the art of waiting – suspension in the skin and beyond). Jede Berührung hat eine gewissen Spielraum, ohne das sich die Kontaktflächen durch Rollen oder Rutschen zueinander verändern. In jeder Berührung, in die wir Gewicht investieren stehen uns dadurch viele Richtungen offen, ohne unseren verbindlichen Kontakt aufzugeben.

In dem angesprochenen ‘Rücken-Hinaufrollen’ will ich genau diese Offenheit für verschiedene Richtungen in jedem Moment beibehalten.

Die ertragreichste Position für ein ausgiebiges Forschen scheint mir ein Beckenlift in Seitenlage zu sein. Die Fliegerin liegt auf ihrer Seite, Bauch dem Steiss der tragenden Person zugewandt. Kopf und Arme hängen (hoffentlich) in satter Länge der Schwerkraft folgend Richtung Erdmittelpunkt. Die Beine fühlen sich ebenfalls hängend an, haben vermutlich einen leicht höheren Tonus und können mit kleinen Scherbewegungen spielen um die Position beweglich zu halten.

In diese Position zu kommen ist leider schon recht anspruchsvoll. Aber wenn das noch nicht gelingt, ist der Versuch jemandem den Rücken hinauf zu rollen in jedem Fall eine unsinnige Wahl. Es kann auch schon ein erfrischendes ‘Laboratorium’ sein, geschmeidig oder mit allerhand absurden Tricks in diese Position zu gelangen. Lohnenswert is sonst auch auf der Vier-Füssler-Position die Balance in der Seitenlage zur erproben.

In dieser Seitenlage kann im Dialog die hochgepriesene Flexibilität in der Kontaktfläche erforscht werden. Die tragende Person kann das Becken kippen um den Partner mehr Richtung Kopf oder Füsse sinken zu lassen. Die obere Person kann nun mit wenig Aufwand in verschiedene Richtung in der Haut des Partners hängen – mit erstaunlichem Gefälle ohne abzurutschen. Kleine Rotationen des Beckens der tragenden Person lassen die Fliegende in recht komplexer Weise taumeln. Auch ein feines auf-und-ab Bouncen fördert ein Erlebnis von Beweglichkeit. Es ist ein wahrer Balanceakt, wo in jedem Moment neu justiert und gegengesteuert werden muss. Dies ist nur möglich, wenn der Flieger wirklich seinen Schwerpunkt gefunden hat und nicht der Angst folgend beständig Richtung Füsse hängt. Diese Beweglichkeit macht schliesslich die so schwierige Rotation der oberen Person um ein vielfaches einfacher.

Hier melden sich in steiler Weise verschiedenste körperliche Angstmuster, die uns aus diesen als gefährlich wahrgenommenen Situationen führen wollen, während unser Wille uns weiter auf das ersehnte Ziel zu zwingt. Als tragende Person kippen wir meist unbewusst das Becken, so dass die obere Person Richtung Füsse gekippt wird. In der Rolle des Fliegenden, will sich der untere Arm oft um den Leib der Partnerin winden, zum Festhalten oder abstützen. Der Nacken überstreckt gerne, scheinbar um den Boden sehen zu können. Diese Automatismen haben wir ursprünglich als Baby entwickelt und genutzt, damit wir beim Sturz nach vorne den Kopf vorm Aufprallen am Boden bewahren. In diesem Beckenlift verlagern diese Muster das Gewicht Richtung Füsse, so dass wir nicht abrutschen und auf den Kopf fallen können.

Eine Teilnehmerin sagte kürzlich etwas frustriert oder fast erschüttert, dass sie Beckenlifts eigentlich schon seit geraumer Zeit meistere, und in diesem Workshop plötzlich das Gefühl hat selbst so eine schlichte Variante nicht zu können.

Einen wirklich balancierten Beckenlift zu beherrschen ist meines Erachtens sehr fortgeschritten. Bei den meisten Varianten, die in Jams zu beobachten sind, hängt die obere Person Richtung Füße und ist sozusagen auf der sicheren Seite, fern der tief verwurzelten Angstmuster.

Drei Dinge finde ich wichtig und hilfreich bei dieser Arbeit: Die grundsätzliche Neugierde, wo die Angst beginnt. Und an diesem Punkt ausgesprochen langsam zu arbeiten, behutsam vor und zurück zu ‘pendeln’. Zweitens ein verbales Feedback das von der oberen Person geäußert wird: ‘Mehr Kopf! heisst – kippe dein Becken so, dass ich mehr Gewicht Richtung Kopf erhalte. ‘Mehr Füsse!’ wäre die Aufforderung für die andere Richtung. Und drittens hilft es oft sehr ein direktes ‘hands on’ Feedback von einer dritten Person zu erhalten, wo die kontraproduktiven Kontraktionen beginnen.

Ein gutes, erstes Ziel wäre einmal längere Zeit in Seitenlage sanft Richtung Kopf zu baumeln, hängende Arme, hängender Kopf. In dieser Position wird der untere Rücken meist kaum beansprucht, es ist eher eine Position, die wie gute Körperarbeit wirkt, für mehr Weite zwischen den Rippen und Länge in den Armen. Das Nervensystem braucht Zeit um diese Situation als ‘sicher’ abzuspeichern und zu re-justieren was ‘balanciert’ bedeutet.

In dieser Position lässt es sich anstrengungsfrei erforschen wenige Grade mehr Richtung Bauchlage oder Rückenlage zu rollen. Wie subtil kann ich mein Gleichgewicht verlagern? Und wann spüre ich diesen immensen Weltenwechsel, das erste Gefühl von Rückenlage oder Bauchlage? Dies ist vielmehr eine Frage an das Nervensystem und weniger an die sichtbare Form. In diesem feinen Vor- und Zurückrollen eröffnen sich mir die verfügbaren Welten.

Das lässt sich schön in einem kleinen Experiment im Stehen erfahren, was jetzt als Leseunterbrechung eine nette Möglichkeit wäre:

Stell dich aufrecht hin, Blick horizontal (nicht nach unten). Neige den Kopf ein wenig nach links. Das linke Ohr nähert sich der Schulter, während der Blick horizontal ausgerichtet bleibt. Erlaube den Augen nun ganz leicht Richtung Decke zu schwenken. Nur ein paar Grad. Das rechte Schulterblatt mag ein wenig nach hinten rutschen. Eine leichte Öffnung beim Brustbein mag spürbar werden. Und wie anders fühlt sich die Situation an, wenn der Blick minimal Richtung Boden wandert, nur ein paar Grad, und Schulter und Brustbein mitkommen?

Die gleiche Situation in Seitenlage auf dem unteren Rücken eines Partners fühlt sich vermutlich etwas aufregender an. Aber eigentlich geht es mir darum die Aufregung zu minimieren und die Wachheit der Körperwahrnehung zu maximieren – und dabei auch für die leisen oder lauteren emotionalen Anteile.

In diesem feinen Experimentieren bauen wir Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und in die Kommunikation mit dem Partner auf. Dies ist die Sicherheit, die uns die Contact Improvisation anbietet und nicht die kontrollierte Stabilität.

Es geht ums Erleben, Wahrnehmen und schliesslich Geniessen dessen, was sich auftut, wenn die Angst nachlässt. Was für Momente, wo erstes Vertrauen in der Verwirrung und der Angst auftaucht! Dort können wir verweilen, spielen, kommunizieren.

In diesem Sinne empfehle ich für die ‘fliegende’ Person als nächsten Schritt ein langsames, rutschendes Rollen im unteren Rücken der Partnerin. Anstatt nun bis auf die Schulter der Partnerin zu rollen, ist es für die Kommunikation förderlicher – und vielleicht auch herausfordernder – wenn im Drehen die Kontaktfläche stetig und kontrolliert nach unten rutscht. Die obere Person dreht sich sozusagen auf der Stelle. Für die tragende Person bedarf es dazu einer sehr feinen Artikulation des unteren Rückens, um dieses Rutschen herzustellen, begleitet von einem ständigen Austarieren des Gewichtes zwischen links und rechts. Ein leichtes Bouncen kann auch sehr hilfreich sein, das Gewicht in Bewegung zu bekommen um es leichter dirigieren zu können, ebenso ein sehr langsames drehen im Raum.

Wenn all das die nährende Grunderfahrung ist, ist es ein Leichtes auch den weiteren Weg auf die Schulter zu probieren. Der Ehrgeiz hat eine andere Färbung, weil sich schon vorher eine tiefere Befriedigung im System ausgebreitet hat. Das Können oder nicht-Können ist dann nicht mehr so sehr die treibende Kraft, sondern die Lust an gelingender Kommunikation und das bewusste Erleben meiner Grenzbereiche.

Und dann ist das ganz praktische Üben an einer konkreten Form dem improvisierten Tanz schon sehr nah.

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